Sie kennen Ludwig I. wohl so gut wie kaum ein anderer heutzutage. Was zeichnete seine Persönlichkeit aus?
Krauss: Ludwig war äußerst kreativ, mit vielen guten Ideen. Er war ein großer Liebender, der schon seine Mutter und seine Schwestern sehr liebte. „Wenn er einmal liebt, liebt er tief und dauerhaft“, hat seine Kinderfrau über ihn gesagt. Er trauerte auch tief, wenn jemand gestorben war. Er war hochemotional und ging mit sehr großer Fantasie durchs Leben. Das ist eigentlich die Seite, die man von Ludwig bisher am wenigsten kennt.
Sie schreiben, Ludwig wollte die emotionale Bindung zu Bayern stärken …
Krauss: Ja. Das neue Bayern, das Montgelas konstruiert hatte, erschien ihm seelenlos. Ludwig wollte den Menschen ein echtes Heimatgefühl geben.
Ist das heutige „Mia san mia“–Gefühl der Bayern also ein Erbe dieses Königs?
Krauss: Ob er nun gerade dieses Gefühl erschaffen hat, glaube ich nicht. Aber er wollte das junge Königreich durch positive Emotionen absichern. Ein Beispiel dafür ist die Konzeption der bayerischen Stämme: die Niederbayern, die Oberbayern, die Franken, die Schwaben … Das wurde zu einem wichtigen Identifikationsangebot, mit dem sich Regionen emotional an Bayern binden konnten. So konnte der Stamm der Franken zu Bayern gehören, ohne Oberbayern werden zu müssen.
Was ja durchaus bis heute von beiden Seiten geschätzt wird …
Krauss: …und von heute aus betrachtet ein sehr modernes Konzept war. Man konnte sich mit der eigenen Kultur in dieses Bayern eingliedern, ohne in irgendeinem Gesamtbayern verschmelzen zu müssen. Die Franken durften als Franken sichtbar werden, genauso wie die Schwaben als Schwaben usw. Ebenso sollten etwa die Straubinger stolz auf ihre Stadt und aus diesem lokalen Stolz heraus auch gern Bayern sein. Insgesamt hat Ludwig also sehr viel für dieses Zugehörigkeitsgefühl getan.
Dennoch ist Ludwig I. nicht ohne Kritiker. Der zunächst weltoffene, liberale König wurde im Laufe der Jahre zunehmend restriktiver. Wie passt das zu diesem Bild?
Krauss: Man kann sagen, dass die Realpolitik bestimmten Idealen bei jedem Machthaber relativ schnell Grenzen setzt. Mit der Französischen Revolution und später dem Hambacher Fest entstand eine sichtbare Bedrohung für die Monarchie. Ludwig reagierte darauf, indem er einen anderen Kurs einschlug. Er wollte nicht der König sein, der in seinem Bayern keine Ordnung mehr aufrechterhalten kann.
Das Besondere an Ihrer Biographie ist, dass Sie neben Tagebüchern und Briefen auch Ludwigs Traumtagebuch ausgewertet haben. Was macht diese Quelle so außergewöhnlich?
Krauss: Das Besondere ist zunächst einmal, dass es überhaupt ein solches Traumtagebuch gibt – eine ganz außergewöhnliche Quelle, die bislang noch keiner angeschaut hatte. 1839 war Ludwig ein Jahr lang sehr bemüht, akribisch seine Träume festzuhalten. Er hat sie morgens direkt aufgeschrieben – ungeschönt und noch aus dem halben Traum heraus. Seine Schrift, eine Art Privat-Steno, ist dadurch allerdings noch schwerer zu entziffern als in den normalen Tagebüchern.
Wovon träumt ein König?
Krauss: Vor allem von Menschen, die er kannte und die er auch in bestimmten Handlungen schildert. Besonders auffällig ist jedoch, wie sehr ihn sein Vater Max Joseph beschäftigte. In seinen Träumen wird deutlich, dass Ludwig seinen Vater fürchtete. Er erscheint ihm als große, dominante, bestrafende Figur.
Ludwig hinterlässt rund 65.000 Tagebuchseiten, 3000 Briefe und 400 Seiten Traumtagebuch – dazu zahlreiche Notizen und Gedichte. Er muss ja unglaublich viel Zeit am Schreibtisch verbracht haben …
Krauss: Das stimmt. Ich glaube, dass er auch deshalb so viel schrieb, weil er einen leichten Sprachfehler hatte und schlecht gehört hat. Er ließ sich zudem alles schriftlich vorlegen, was seine Minister ihm vortragen wollten. Wahrscheinlich wollte er Missverständnisse vermeiden und verhindern, wegen seiner Handicaps verspottet zu werden.
Sein Rücktritt fällt in die Zeit seiner Liebschaft mit Lola Montez und des daraus entstandenen Skandals, der ihn stark unter Druck setzte. Hatte Lola ihm so den Kopf verdreht, dass er sein Volk vergaß?
Krauss: Nein, aber ich denke schon, dass die Revolution ohne Lola Montez nicht so eskaliert wäre. Ludwig hatte sich in eine Sackgasse manövriert, weil er bis zum Schluss seine Lola verteidigte, obwohl sie höchst umstritten war. Gleichzeitig begannen seine Minister, Entscheidungen ohne ihn zu treffen. Das verletzte seinen „Königssinn“, wie er es nannte, zutiefst. Aber er trat nicht wegen Lola zurück, sondern weil er nach den sogenannten Märzforderungen nicht mehr so regieren konnte, wie er es gewohnt war.
Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor seines politischen Handelns war sein Glaube. Sie bezeichnen die Zeit ab 1837 als „Katholische Phase“. Was ist damit gemeint?
Krauss: Ludwig war seit seiner Jugend tief gläubig und sehr werteorientiert. Diese besondere katholische Phase beginnt jedoch etwa um seinen 50. Geburtstag. Er hat natürlich gemerkt, wie sehr seine Frau Therese unter seinen, wenn auch meist platonischen, aber emotional sehr intensiven Verliebtheiten gelitten hat. Ich glaube, er wollte sich bemühen, persönlich ein gottesfürchtiges Leben zu führen und stärkte auch unter Einfluss seines Ministers Karl von Abel den Katholizismus in vielen Bereichen.
In diese Zeit fällt auch die Gründung des Ludwig-Missionsvereins (heute: missio) als Anlaufstelle für katholische Auswanderer in die USA. Wäre das Missionsverständnis von heute in Ludwigs Sinne?
Krauss: Da bin ich mir absolut sicher. Ludwig hat unter Glauben und Katholizismus immer mehr verstanden als nur Beten. Er hat immer den gesamten Menschen dahinter gesehen. Deswegen war es ihm auch ein Herzensanliegen, dass etwa die Missionsbenediktinerinnen in Bayern Schulen leiten und Bildung ermöglichen oder dass die Barmherzigen Schwestern sich um Kranke kümmern.
Generell beschreiben Sie Ludwig als sehr wohltätigen Mann …
Krauss: Ja. Er resümiert zum Beispiel einmal, dass er ungefähr ein Viertel seines Einkommens für karitative Zwecke ausgibt. Die Hälfte für Kunst und ein Viertel für Bedürftige. Als 1817 der Vulkan Tambora in Indonesien ausbricht und eine große Hungerkrise auslöst, schreibt er in sein Tagebuch, dass er sehr stark zweifle, weiterhin Geld für Kunst ausgeben zu dürfen, während gleichzeitig Menschen hungerten. 1867 erhielt er innerhalb eines Jahres 7000 Anfragen für finanzielle Förderungen, von denen er die Hälfte sofort bewilligte. Das alles durchzugehen war ein enormer Aufwand, aber die Hilfe im Kleinen war ihm wichtig.