Zum Hauptinhalt springen
Geflüchtete Palästinenser aus dem Gazastreifen sitzen und stehen auf einer Lehmstraße. Links sind Zelte zu sehen, rechts aufgehängte Wäsche an einer Mauer.
Titelbild missio magazin Ausgabe 2/2026 – eineFrau geht mit einem Jungen über den Markt. An dem Stand, den sie gerade passieren, werden Solarpanele in verschiedenen Größen angeboten.
Diese Reportage ist im missio magazin 2/2026 erschienen.
Titelbild: imago
28. Januar 2026
Reportage:   Kristina Balbach   Fotos: Jörg Böthling, missio, Latin Patriarchate of Jerusalem, pixabay
Reportage aus Gaza

Unerwünscht

28. Januar 2026
Text: Kristina Balbach    Fotos: Jörg Böthling, missio, Latin Patriarchate of Jerusalem, pixabay

Wissam hat ein Dach über dem Kopf. Das ist so viel mehr als andere in seiner Lage haben. Aber ein Dach ist für ihn heute kein Maßstab, denn alles, was Wissam hatte, ging verloren im Chaos der Kämpfe zwischen Israel und der Hamas und in den Wirren der Flucht in Gaza. Gerade erst war er Vater geworden. Dann wurde das zwei Monate alte Baby bei einer Explosion verletzt. Später hat er sie alle aus den Augen verloren, das Baby, seine Frau und seine Mutter. Wo sie sind und wie es ihnen geht, weiß er nicht. Ebenso wenig, ob seine Wohnung noch steht. Über sein Handy kann er sie nicht erreichen. Niemand aus der weiteren Familie weiß etwas – und jedes Telefonat ist teuer. Wissam möchte zurück nach Hause, egal wie kaputt dort alles sein mag. Er sagt, er habe Heimweh. Aber die Grenze bei Rafah ist dicht und bleibt es auf unbestimmte Zeit. Queren konnte er sie nur als Verletzter.

Kein offizieller Flüchtlingsstatus für Menschen aus Gaza

Seine Geschichte erzählt Wissam, dessen Nachname anonym bleiben soll, nicht selbst. Das übernimmt Anba Pola Ayoub, der koptisch-katholische Bischof von Ismailia in Ägypten. Der kommt gerade aus Al-Arish, der größten Stadt des Nordsinai, gleich hinter dem Grenzübergang nach Rafah. Al-Arish – ein Ort, den auch der ägyptische Inlandsgeheimdienst im Blick hat. In einer Siedlung aus leerstehenden Gebäuden aus Zeiten des staatlichen Baubooms sind derzeit mehrere Tausend Geflüchtete aus Gaza untergekommen. Wobei die Bezeichnung „Geflüchtete“ offiziell nicht geschätzt wird im Land. Gängiger ist „Hang-on-the-borders“, also Menschen, die an der Grenze festhängen. Und nach dem Willen der ägyptischen Regierung soll das auch so bleiben – doch möglichst auf der anderen Seite der Grenze. Bloß kein offizieller Flüchtlingsstatus für die Menschen aus Gaza. Bloß keine dauerhaften Zelt-Camps mit Verpflichtungen. Also bleibt die Grenze vorerst dicht und die Geflüchteten unter Beobachtung.

Ein Mann mit orangener Warnweste gibt einer Frau mit Kopftuch eine Plastiktüte mit Decken darin.Die Teams der Diözese Ismailia versorgen die Geflüchteten – die Mehrheit unter ihnen ist muslimisch.Ägypten will weder noch mehr junge Arbeitssuchende im wirtschaftlich schwer angeschlagenen Land, noch soll sich die Sicherheitslage auf dem touristisch wichtigen Sinai wieder verschlechtern. Auch Israel blockiert die Grenze und damit die wichtige humanitäre Hilfe für die Menschen in Gaza. Offiziell aus Angst vor Waffennachschub für die Hamas. Bischof Anba Pola sagt: In Al-Arish leiden Menschen. Familien wurden auseinandergerissen. Alleinreisende oder verletzte Kinder teilen sich Zimmer mit Fremden. Es gibt keine Sicherheit, besonders nicht in der Nacht. Es fehlt an allem, an Essen, Kleidern, Medikamenten und Decken. Die Menschen schlafen auf dem Boden. Und ja, sie haben Heimweh.

Terrorverdacht

Der ägyptische Geheimdienst sagt: Möglicherweise finden in den Wohnungen Hamas-Terroristen Unterschlupf. Außerdem gibt es schon genug Flüchtlinge im Land. Die Ägypter klagen: Warum hilft die Kirche nicht ihren eigenen Leuten in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen des Landes? In diesem Spannungsfeld steht die Kirche seit Monaten den Geflüchteten bei. Und sie wird beobachtet. Keine Versammlungen, keine Medien, keine Fotografen. Die Angst, dass die Hilfe der Christen zu politisch wird, ist groß. Die Kirche in Ägypten arbeitet schon immer unter diesen Bedingungen.

Geschätzt sind um die zehn Prozent der rund 110 Millionen Menschen im Land Christen. Davon gehören gut 300.000 der koptisch-katholischen Kirche an. Eine Minderheit mit schwerem Stand. Obwohl kirchlich getragene Schulen und Gesundheitseinrichtungen bis heute an vielen Orten die einzigen für alle Ägypter sind, galten Christen lange als Bürger zweiter Klasse. Sie bekamen seltener gute Jobs oder höhere Ämter. Immer wieder wurden Anschläge auf Kirchen verübt. Unter Präsident Abdel Fatah al-Sisi hat sich der Alltag für Christen in den vergangenen Jahren zwar gebessert – jedoch zu den Spielregeln eines autoritären Regimes. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Helfenden, von allen Seiten.

Knappe Ressourcen, wenige Hilfsangebote

Maschendrahtzaun mit Stacheldraht, dahinter die Silhouette der Berge.Foto: pixabayVon bis zu 9,5 Millionen Geflüchteten in Ägypten geht die Internationale Organisation für Migration (IOM) aus. Nur wenige von ihnen sind registriert und haben damit offizielles Bleiberecht. Mehr als die Hälfte davon, schätzt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), ist vor dem Krieg im Nachbarland Sudan geflohen. Die Kriege und Konflikte in Ostafrika, im Jemen und in Syrien haben tausende weitere Menschen ins Land gebracht. Ein Zuwachs, der die ohnehin knappen Ressourcen des Landes belastet und die wenigen Hilfsangebote an ihre Grenzen bringt. Gleichzeitig fallen immer mehr Ägypter in die Armut.

Nun sind laut Palästinensischer Botschaft in Kairo durch den Gaza-Krieg mehr als 100.000 Palästinenser nach Ägypten eingereist. Hinter der Grenze harren weitere hunderttausende Menschen aus, vertrieben von der israelischen Armee in die sogenannte humanitäre Zone im Süden. Heftige Regenfälle im Dezember und Kälte haben die Situation der Menschen, von denen die meisten unter notdürftigen Planen hausen, unerträglich gemacht.

Zur selben Zeit harren auch am anderen Ende des Gazastreifens Menschen aus. Nur 36 Kilometer nördlich von Rafah liegt die Pfarrei zur Heiligen Familie, bei allen nur „Holy Family“ genannt. Im Schutz der einzigen katholischen Kirche in Gaza haben hunderte Familien – darunter nicht nur Christen – die Monate der heftigen Kämpfe überlebt. Hier, im einst dicht besiedelten Viertel, bot die Kirche Schule und Kindergarten sowie Angebote für alte und behinderte Menschen. Jetzt ist alles zerstört. Wo noch Gebäude stehen, sind wohnungslose Familien einquartiert.

Priester informiert via YouTube

Screenshot von einem Youtube-Video mit Pater RomanelliPater Gabriel Romanelli, Argentinier und seit Jahrzehnten im Nahen Osten tätig, hat die Pfarrei 2019 übernommen. Dann kam der Krieg. Immer seltener gab der Priester Interviews. Es waren schlicht zu viele Anfragen an diese Insel inmitten des Grauens. Romanelli entschied sich, die Welt selbst zu informieren – über Facebook, Instagram, WhatsApp, sogar über Telegram und X. Und Zehntausende folgen ihm. Bis heute gibt es täglich neue Videos auf dem YouTube-Kanal des Priesters. Darin: Das Leid der Palästinenser, verpackt in den Alltag in der Pfarrei. Leben in Gaza Stadt. Eine Hochzeit wird gefeiert, die Geburt eines kleinen Markus mitten im Chaos bringt Hoffnung. Weihnachten im Krieg. Dann wenige Tage nach Neujahr 2026 – die Waffenruhe gilt da seit knapp drei Monaten – zeigt ein Ausschnitt, wie die Lesung im Gottesdienst vom Knall einer nahen Detonation unterbrochen wird. Die Fensterläden der Kirche fliegen vom Druck in den Raum. Die Gläubigen bleiben in den Bänken sitzen. Nach mehr als zwei Jahren Krieg springt hier niemand mehr auf.

Währenddessen verfolgt von Jerusalem aus Kardinal Pierbattista Pizzaballa, höchster Vertreter der katholischen Kirche in der Region, täglich genau, wie es den Menschen der „Holy Family“ geht. Schließlich fallen die Christen in Gaza und damit die kleine Pfarrei in den Zuständigkeitsbereich des Lateinischen Patriarchats im Heiligen Land. Wenige Tage vor Weihnachten war Pizzaballa selbst einmal wieder in Gaza gewesen. Er darf mit Sonderstatus einreisen. Man unterstütze Romanellis Gemeinde mit Lebensmitteln und wichtiger Medizin, berichtet Pizzaballa. Ein regelmäßiger Unterricht für die Kinder sei inzwischen wieder aufgenommen worden, wenn auch noch in Zelten. Sorge bereitet neben den nach wie vor geschlossenen Grenzen, dass Israel aktuell 37 internationalen Hilfsorganisationen die Lizenz für eine Hilfe im Gazastreifen entzogen hat – darunter auch den kirchlichen Hilfswerken Caritas International und Caritas Jerusalem. Israel setzt Organisationen unter Druck, die palästinensische Mitarbeiter beschäftigen und blockiert deren Arbeit in Gaza.

Hilfe unter dem Radar der Öffentlichkeit

Porträt von Anba Pola Ayoub, koptisch-katholischer Bischof von Ismailia in Ägypten.Bischof Anba Pola lässt sich nicht einschüchtern. Foto: Jörg BöthlingAuf der anderen Seite der Grenze in Ägypten fühlt sich Bischof Anba Pola in seiner Arbeit bestätigt: Lokale Hilfe unter dem Radar der Öffentlichkeit funktioniert hier gerade am besten. Das Team der Diözese besorgt alles Nötige in den Märkten in Ismailia. Freiwillige packen Nothilfeboxen und liefern diese aus. Als Fahrer seien ausschließlich Männer eingeteilt, die Gegend gelte als unsicher, erklärt der Bischof. Das liege jedoch nicht an den Geflüchteten. Die Inflation des ägyptischen Pfunds bereitet uns Probleme. Die ägyptische Mittelschicht fällt zunehmend in die Armut. Also helfen wir den anderen so unauffällig wie möglich. Und zu allen, die uns kritisieren, sagen wir: Es ist unsere Pflicht als Christen, das zu tun!

Doch der Bischof weiß: In einem zweiten Schritt wird es irgendwann nötig sein, um Verständnis zu werben. Auch hier hat die Kirche schon Erfahrung. Bischof Anba Pola erinnert sich an eine Veranstaltung in Kairo, die Ägypter und Sudanesen zusammenbrachte. Denn klar ist: Die Geflüchteten aus Gaza werden sicher nicht morgen nach Hause gehen können. Sie werden für Jahre in Ägypten bleiben. Ebenso wie einst im Libanon oder in Jordanien, wo heute die größte Gruppe von Exil-Palästinensern lebt, teilweise in der vierten Generation. Die meisten von ihnen bleiben ihr Leben lang staatenlos und damit Bürger zweiter Klasse. Ist auch das Rückkehrrecht in die Heimat von den Vereinten Nationen und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbrieft, so bleibt es für die meisten Palästinenser ein Wunschgedanke. Da hilft manchmal selbst ein Dach nur kurzfristig. Wie sagte eine alte Frau aus Gaza zu Bischof Anba Pola: Gebt mir nur ein Zelt, ich möchte zumindest zu Hause sterben.

HILFE MIT HINDERNISSEN

Die UN unterhalten seit Jahrzehnten das Palästina-Hilfswerk UNRWA. Unter ihm sind derzeit 5,9 Millionen palästinensische Flüchtlinge registriert. Die meisten leben in Jordanien, im Libanon, in Syrien, im Westjordanland und in Gaza. Zu ihnen zählen Menschen, die während der Staatsgründung Israels Ende der 1940er Jahre und nach dem Sechstagekrieg 1967 aus ihrer Heimat vertrieben wurden – und deren Nachkommen. Durch diesen vererbbaren Sonderstatus ist das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR für sie nicht zuständig. Das führt dazu, dass in Ländern wie Ägypten, in denen sich palästinensische Flüchtlinge aufhalten, aber die UNRWA nicht vertreten ist, die Betroffenen keine offizielle Anlaufstelle haben.