NEIN, BEIDES ZUGLEICH geht auf keinen Fall. Entweder das Mikroskop anstecken oder unsere Handys aufladen, wir müssen uns entscheiden.
So beschreibt der Klinikmitarbeiter Ronald Odongo die Lage. Er möchte Auskunft geben darüber, wie es derzeit aussieht mit der Stromversorgung im „Stefano Campagnolo Health Center“ in der Nähe von Gulu im Norden von Uganda. Das Mikroskop brauchen sie zum Beispiel, um eine Malaria-Infektion nachzuweisen. Unter dem Lichtmikroskop sind Malaria-Parasiten in der Blutprobe leicht zu erkennen. Aber dafür braucht es eben: Licht. Und Strom. Ein klarer Fall also – das Mikroskop gewinnt, und der schwache Akku des Smartphones muss warten.
Sonnenenergie für kirchliche Gebäude
Nachtdienst in der Klinik: Der kleine Patient braucht dringend eine Spritze. Aber wie findet man im Dunkeln eine Einstichstelle?
Aber was ist, wenn die Dunkelheit naht, die hier schon um 18 Uhr einsetzt? Dann sind die Patienten trotzdem noch da und wollen versorgt sein. Wie der kleine Junge, der schwer an der Malaria erkrankt ist. Wir müssen ihm die nächste Infusion geben
, entscheidet die Krankenschwester. Der Junge hustet ganz erbärmlich. Doch wie findet man im Dunkeln eine Einstichstelle? Sie schaltet die Taschenlampe ihres Handys an und versucht zu leuchten. Ihre Kollegin hilft mit. Aber je mehr sie mit der Spritze und der Lampe hantieren, desto größer wird die Angst des kleinen Patienten. Nach viel Geschrei und gutem Zureden von Mutter und Krankenschwester ist die Spritze schließlich gesetzt, die Lage beruhigt sich wieder.
Aber das war nur eine Routinebehandlung. Was ist, wenn ein Notfall eintrifft im Laufe der Nacht? Oft werden nachts schwangere Frauen gebracht, bei denen es Schwierigkeiten gibt bei der Geburt. Dann hängt das Leben von Mutter und Kind davon ab, ob es genug Licht und genügend Strom in der Klinik gibt!
Barnabas Oloya hat das alles aufmerksam beobachtet. Er ist „Energy Officer“, der Energiebeauftragte der Erzdiözese von Gulu. Mit dem Projekt „Solar Pledge East Africa“ (S.P.E.A.) möchte man kirchliche Gebäude wie Schulen und eben Krankenstationen mit Solarenergie ausrüsten. Das Programm wird getragen von „Horizont 3000“, eine Initiative aus Österreich, an der missio München beteiligt ist. Gulu in Uganda und Lodwar in Kenia sind als Zielregionen ausgewählt worden. Gebiete mit schwierigen Lebensbedingungen, weit weg von der jeweiligen Hauptstadt, mit Standards, die weit unter dem nationalen Durchschnitt liegen. Warum das in Norduganda so ist – dazu gleich.
Zwei Glühbirnen sind schon zuviel
BARNABAS OLOYA: Wir ermitteln den Bedarf: Welche Schule, welche Klinik braucht eine neue Solaranlage?
Zuvor besucht Barnabas Oloya noch die „Atanga Girls Secondary School“ im Distrikt von Pader. Im Lehrerzimmer hängt eine einsame Glühbirne an der Decke. Doch, doch, sie geht
, sagt eine Lehrerin. Aber bevor ich sie anschalten kann, müssen wir erst die andere ausschalten.
Im ganzen Schulkomplex gibt es zwei funktionierende Glühbirnen, und nur eine davon darf jeweils brennen. Sind zwei eingeschaltet, ist das System schon überfordert. Warum?
, möchten die Besucher wissen. Mühsam kramt der stellvertretende Direktor ein paar Antworten zusammen. Eine Solarzelle am Dach sei vom Blitz getroffen worden, und bisher hat sie niemand reparieren können. Steckdosen und Sicherungskasten sind vom feinen Savannensand eingestaubt. In einem Klassenzimmer hängen mehrere Lampenschirme – aber welche Lampe man auch anschaut: Die Fassungen sind leer, ohne Glühbirne.
Die Mädchenschule von Atanga wurde 1990 gegründet. Als nach Ende der Corona-Pandemie die Schulen wieder öffneten, kamen deutlich weniger Mädchen zurück, als vorher Schülerinnen eingeschrieben waren. Seitdem nehmen wir auch Jungen auf
, erklärt der stellvertretende Schulleiter. Genau 433 Schüler, davon 211 Mädchen und 222 Jungen waren im Jahr 2024 angemeldet, so sagt es die Statistik, die der Mann an seiner Bürowand hängen hat. Dann zeigt er noch den Materialraum: Hier stehen Computer, Kopierer und Druckergeräte. Doch ohne Strom hat man davon wenig.
Leben unter der „Lord Resistance Army“
Als er wieder im Auto sitzt und während der Fahrt aus dem Fenster schaut, sieht Barnabas Oloya einige Häuser vorbeiziehen. Früher als Kinder sind wir hier oft mit dem Fahrrad entlanggefahren
, erinnert er sich. Was wie eine Erinnerung an unbeschwerte Kindertage klingt, hat hier in Norduganda eine andere Bedeutung. Denn die Zeit, die Barnabas Oloya meint, war eine Zeit des Aufruhrs, des Chaos, der Katastrophe.
Wichtige Handgriffe: Barnabas Oloya beim Einsatz auf dem Dach einer Klinik. Die grausamen Rebellen der „Lord Resistance Army“ (LRA) setzten Kinder als Soldaten ein. Sie wurden einfach aus ihren Heimatdörfern entführt, den Eltern entrissen und mussten in den Dschungel ziehen als Kämpfer. Barnabas Oloya hatte Glück. Mein Vater war Katechist, deshalb durften wir auf dem Gelände der Kathedrale wohnen.
Die Familie war geschützt, die Kinder gut versteckt.
Doch einmal war es knapp, sagt Barnabas. Ich erinnere mich, wie die Rebellen ans Tor klopften. Sie schrien, wir sollten ihnen unsere Wolldecken geben.
Sofort liefen alle Kinder hin, gaben den bewaffneten Kriegern, was sie wollten – und waren erleichtert, als sie wieder abzogen. Heute wissen wir, dass das ein kleines Wunder war
, sagt Barnabas. Er hat Freunde, die damals in den Krieg mussten, und nicht mehr wieder gekommen sind. Andere sind zwar wieder zurück, aber man erkannte sie kaum wieder. Zu viele Grausamkeiten hatten sie in den Wäldern erlebt – und wohl auch selber verübt.
Wenn die Elefanten streiten
In vielen Schulen gibt es kaum Strom und Licht.Um besser zu verstehen, wie sich die Region um Gulu inzwischen verändert hat, muss man Menschen wie John Bosco Aludi sprechen. Er ist heute Direktor der Caritas von Gulu, und damit der Chef von Barnabas Oloya. Zu Kriegszeiten war er Mitte, Ende 20, und damit genauso alt, wie es Barnabas heute ist. Er hat sich kaum vorgestellt und hingesetzt, da erzählt er schon, wie er damals mit seinem Auto in einen Hinterhalt geriet. Zwei Schüsse habe ich abbekommen, sagt er, zwei Kugeln blieben in der Hüfte stecken. Das war 2003. Ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, um wieder gesund zu werden. Es war auf dem Höhepunkt der Operation „Eiserne Faust“, mit der die Zentralregierung von Uganda die Rebellen der LRA endgültig besiegen wollte.
Die LRA, und ihr selbsternannter Prophet und Anführer Joseph Kony erhielten Geld und Waffen aus dem Nachbarland Sudan. Dort sollten sie kämpfen gegen die starke Unabhängigkeitsbewegung für einen eigenen Staat Südsudan, die von den USA und eben Uganda unterstützt wurde. Mehrere Konflikte, die sich ineinander verschränkten – und am Ende galt das Wort des Erzbischofs von Gulu, John Baptist Odama: Wenn die Elefanten streiten, dann leidet das Gras
. Die einfachen Menschen, Frauen und Kinder, wurden zerrieben und zermahlen.
Hoffnung für eine krisengebeutelte Region
Kirchenführer wie Erzbischof Odama versuchten mühsam, Frieden zu stiften. Auch John Bosco Aludi wurde Teil einer Friedensdelegation. Auf verschlungenen Wegen schafften sie es, einige im Dschungel versteckte Rebellenlager zu erreichen. Dort begegnete er auch den berüchtigten Anführern: Dem Vize-Kommandeur der LRA, Vincent Otti. Und dem Anführer Joseph Kony. Sie seien sehr misstrauisch gewesen, erinnert sich Bosco Aludi. Mitgebrachte Geschenke lehnten sie ab, aus Angst sie könnten vergiftet sein. Statt von uns etwas anzunehmen, überfielen sie lieber Dörfer und stahlen dort alles
, sagt John Bosco Aludi.
Neue Märkte: Solarpanele aus China finden sich auch beim Händler am Straßenrand.Aber inzwischen ist so etwas wie Frieden eingekehrt. Kony lebt noch irgendwo in den Weiten des Südsudan, des Kongo oder der Zentralafrikanischen Republik. Seine Unterstützer sind wohl nur noch eine Handvoll letzte Getreue, heißt es.
Die einstmals großen Vertriebenenlager haben sich aufgelöst. Einzelne Häuseransammlungen erinnern noch daran, zum Beispiel an der Straße zwischen Gulu und Kitgum, auf dem Weg zur Schule von Atanga – Doch ich muss sagen: Es hat sich einiges entwickelt und ist besser geworden
, sagt Barnabas Oloya, ganz der Optimist, der er mit seinen 28 Jahren am Anfang seines Berufsweges auch sein darf. Mit der „Solar-Initiative“ von Horizont 3000 und der Caritas von Gulu will er seiner Heimat weiterhelfen und ihr neue Energie geben.